Es geht munter weiter. Eine Küchenhilfskraft, Großküche, Anfang 20, ohne Ausbildung, im Heim aufgewachsen sucht einen Job. “Ich kann nichts besonderes”. Und Du glaubst immer noch, Du hättest schlechte Voraussetzungen?
Im Sparring stellten sich folgende Stärken heraus:
1. Sie hatte mit Lebensmitteln zu tun und wusste Bescheid über Lagerung und Hygiene, hatte einen Hygienekurs absolviert und war dafür verantwortlich, inkl. Dokumentation.
2. Sie kaufte die Waren gemäß den Speiseplänen ein.
3. Sie half, die Nahrungsmittel weiter zu verarbeiten.
Nehmen wir an, sie konkurriert mit 20 anderen Küchenhilfen um eine Stelle, weiß aber nicht, was sie alles zu bieten hat und sagt es nicht. Dann ist die Chance 1:20.
Beim (ich glaub’s kaum) 40. Jahrestag unserer Einschulung kam ich mit einem Agragingenieur ins Gespräch. Tolle Karriere: Einkaufsleiter, Geschäftsführer, Berater. So weit so gut. Jetzt sucht er einen Job.
Ich lud ihn in mein berühmt-berüchtigtes Sparring ein. Ich bereitete mich vor und wie soll es anders sein:
Google macht’s möglich: “Agraringenieur Berufsaussichten”. Ich sammelte an die 50 (!) Ansatzpunkte.
Mein Schulfreund hatte selber nebenbei eine kleine Landwirtschaft, die er schon seit Jahren auf Bio umgestellt hatte. Sein Spezialgebiet: Hopfen. Wir leben beide in der Hallertau, der bayerischen Toskana, dem weltweit größten zusammenhängenden Hopfenanbaugebiet. Ein kleiner Fleck von etwa 50 qkm.
Hopfen ist ein Massenprodukt, der Markt geprägt von Überproduktion und Preisverfall. Marktnische: Hausbrauereien und Dr. Oetker-Prinzip: Ein billiges Massenprodukt grammweise abfüllen und relativ hochpreisig verkaufen. Hier sei erwähnt, dass es Hausbrauereien gibt, die Ihnen das Bier für Ihr spezielles Menü designen. Weltweit über Internet vermarktet und grammweise in die ganze Welt verschickt (Hausbrauereien), das hat einen gewissen Charme.
Ein frisch gebackener Absolvent der Informatik (FH). Eine Steilvorlage? Denkste! Der Anfang 30jährige suchte einen Job und fand keinen. “Ich habe schon über 200 Bewerbungen blablabla.
Warum findet so einer keinen Job? Leute wie ihn werden doch sonst von der Schulbank weg eingestellt.
Google macht’s wieder mal möglich: “Informatiker Berufsaussichten”. Nach 10 Minuten wusste ich Bescheid.
1. Die Informatiker werden zunehmend von Mathematikern verdrängt. Warum? Weil wir immer mehr Statistiker brauchen und jeder Mathematik-Student auch EDV (sagt man das noch?) lernt. Statistik wofür: Chaosforschung, Klimaforschung, Medizinforschung, Pharmaforschung, Bevölkerungsforschung etc. Lauter aktuelle Themen.
2. Jeder Informatiker braucht ein Thema: Pharma, Bionik, Bevölkerung (Versicherungen!), Medizin, Klima, Werkstoffentwicklung usw.
Und der junge Mann? Hatte während seines Studiums Algorithmen entwickelt, um die Börsenvorhersagen genauer zu machen. Noch Fragen?
Was mich wundert? Warum sind auch intelligente Menschen so hilflos und blind?
Ein stattlicher Pole, Mitte 30, top gekleidet, BWL-Studium Fachrichtung Vertrieb/Marketing in Polen suchte einen Job.
Im Interview stellte sich heraus, dass er jahrelang Minigurken (Cornichons) aus Indien importiert hatte. Die Inder ernten die kleinen Gürkchen viermal im Jahr, verladen sie in Container und schippern sie mehrere Wochen lang über die Ozeane. Unser Pole hatte Kontakt zu den Lieferanten, beherrschte die Verzollung, wusste wie die sensible Ware zu transportieren war, wusste Bescheid über Hygiene, Lagerung, Weiterverarbeitung usw.
Dann erzählte er mir, dass nur einer der bekannten Discounter, diese Gurken vertreibt. Noch Fragen? Was liegt näher, als die Discounter, Großhändler, Konseverhersteller usw. anzusprechen?
Es dauerte keine Woche und er hatte seinen Job bei einem regionalen Konservenhersteller. Blöd gelaufen, ich hab’ keinen Cent dran verdient. Bedankt hat er sich auch nicht. Egal, denn so kann’s gehen.
Putzfrau, Gurkenprofi? Was hat das mit Dir zu tun? Nichts? Du hast schlechtere Voraussetzungen, als eine iranische Putze und ein polnischer BWLer?
Ich kam mit einer iranischen Putzfrau ins Gespräch und wir sprachen über ihre beruflichen Perspektiven. Sie spräche nicht so gut deutsch und hätte sowieso keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Sie sei froh diese Stelle zu haben usw. usw. usw.
Ich ließ nicht locker und sie erzählte mir, dass sie neben (recht gutem) Deutsch 5 weitere Sprachen beherrschte. Sie hatte im Iran eine gute Schulausbildung genossen.
Google macht’s möglich. Ich brauchte 10 Minuten, um folgendes herauszufinden. Die Eingabe lautete übrigens “Deutschland Iran Wirtschaft”. Ergebnis? Hier ein Auszug der deutsch-iranischen-Außenhandelskammer:
Außerdem vertritt die AHK Iran sechs deutsche Messegesellschaften. Allein im Jahr 2008 besuchten mehr als 7150 iranische Unternehmen Messen in Deutschland, um sich über neue Technologien und Produkte zu informieren und über 100 Aussteller präsentierten ihre Waren auf deutschen Messen.
Noch Fragen? Tausende Messebesucher brauchen Betreuung, Übersetzungen, Orientierung, Fremdenführungen usw.
Wenn eine Putzfrau solche Potenziale hat, welche Schätze sind bei Ihnen verborgen?
“Bei mir ist das nicht so, das funktioniert bei mir nicht, geht nicht, gibt’s nicht . . . . .” Wetten dass?
Der Arbeitsmarkt ist ein Markt wie jeder andere auch. Es gibt Angebot, Nachfrage, Marktstellung (Position) und Marktwert. Marktstellung und Marktwert werden Dir zugewiesen. Im schlechtesten Fall ist Dein Marktwert Null. Willst Du Marktstellung und Marktwert steigern, musst Du dem System Energie zuführen, also Dich positionieren. Willst Du, dass Dich der Markt erkennt, brauchst Du ein Profil. Das kannst Du gestalten und entwickeln und damit Deine Attraktivität und Deinen Marktwert steigern.
“Ich habe über 200 Bewerbungen geschrieben und immer noch keinen Job.” Wenn ich das höre, läuft die Sache grundlegend falsch. Masse statt Klasse. Das funktioniert nicht.